Art. 4 EU AI Act — die 12-Punkte-Checkliste
Was bis zum 2. August 2026 in jedem Unternehmen stehen muss, das KI einsetzt. Pragmatisch, ohne Panikmache — und ohne Rechtsrat.
Stand: 25. Mai 2026 · Recherchequellen: BNetzA, Bitkom v2.0, Noerr, CMS, EU AI Office, IAPP, Travers Smith
Was steht in Art. 4 — kurz erklärt
Anbieter und Betreiber von KI-Systemen müssen sicherstellen, dass ihr Personal und alle Personen, die in ihrem Namen mit KI arbeiten, über ausreichende KI-Kompetenz verfügen. Maßstab ist der Einsatzkontext, die Vorkenntnisse und die betroffenen Personen.
„Anbieter und Betreiber von KI-Systemen ergreifen Maßnahmen, um nach besten Kräften sicherzustellen, dass ihr Personal und andere Personen, die in ihrem Auftrag mit dem Betrieb und der Nutzung von KI-Systemen befasst sind, über ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz verfügen.“
Wer ist „Betreiber“ (Deployer)?
Jedes Unternehmen, das KI-Systeme in seinem Verantwortungsbereich nutzt — auch wenn es das Modell nicht selbst gebaut hat. Praktische Beispiele:
- Microsoft Copilot für M365 (im Konzern-Tenant)
- ChatGPT Team / Enterprise oder Claude for Work
- KI-Funktionen in CRM, HRIS, Ticketing, Code-Assistenten
- Generative KI in Marketing- und Recruiting-Tools
Der Anbieter trägt die Art.-4-Pflicht für sein eigenes Personal. Sie als Betreiber tragen sie für Ihre Mitarbeitenden und Auftragnehmer, die das System für Sie nutzen.
Die 5 typischen Lücken — was wir am häufigsten finden
Querschnitt aus BNetzA, Bitkom v2.0, Noerr, Travers Smith, IAPP, Delbion, Hogan Lovells.
Die 12-Punkte-Checkliste — operativ, ohne Rechtsrat
Kein Audit-Standard, sondern eine Hands-on-Arbeitsliste. Sie können den Status pro Punkt lokal markieren — wird nur in Ihrem Browser gespeichert.
- 01 · KI-System-Inventar
Zentrales Register aller KI-Tools — inkl. eingebetteter KI in SaaS-Produkten, Browser-Extensions und Code-Assistenten. Update mindestens quartalsweise.
- 02 · Klassifizierung pro System
Anbieter- vs. Betreiber-Rolle, Risikoklasse nach Annex III, Einsatzkontext, betroffene Datenklasse — pro System dokumentiert.
- 03 · Rolle-zu-System-Matrix
Wer nutzt was, in welchem Entscheidungs-Kontext, unter wessen Autorität? Zuordnung explizit gemacht — nicht im Kopf.
- 04 · Lernziele pro Rolle
Basis-User (Prompting, Risikobewusstsein), Power-User (Validierung, Halluzinationen, Prompt-Injection), Oversight-Rollen (Art. 14 / Art. 26(2)), Geschäftsführung (Governance, Verantwortung).
- 05 · 3-Stufen-Curriculum (BNetzA-Modell)
(a) Grundlagen KI/Daten und Chancen/Risiken; (b) Vertiefung rechtlich-technisch entlang Ihrer Wertschöpfungskette; (c) rollenspezifische Trainings (Tech · Recht · Ethik).
- 06 · Anbieter-Dokumentation gelesen
Instructions for use, System Cards, Model Cards, DPIA-/FRIA-Inputs von Microsoft, OpenAI, Anthropic & Vendor — und Personal, das sie lesen und verstehen kann.
- 07 · AI Acceptable Use Policy
Schriftlich, von der GF freigegeben, kommuniziert. Regeln zu vertraulichen Daten, Kundendaten, verbotenen Anwendungsfällen (Art. 5), Kennzeichnungspflichten (Art. 50).
- 08 · Trainings-Nachweise
Name, Rolle, Datum, Module, Stunden, Bewertung — als Audit-Evidenz aufbewahrt. Bitkom-Zertifikat oder gleichwertig OK; eine Zertifizierung ist nicht vorgeschrieben.
- 09 · Refresher-Kadenz
Jährlich Minimum. Ad hoc bei großen Tool-Roll-outs oder Regulierungs-Updates. Inhalte halbjährlich reviewen.
- 10 · Verträge mit Auftragnehmern & Lieferanten
Klauseln zu Art.-4-äquivalentem Kompetenz-Commitment. Nachweise beim Onboarding einfordern.
- 11 · Incident- & Eskalations-Kanal
Mitarbeitende wissen, wie sie KI-Fehler, Halluzinationen, Bias oder Prompt-Injection-Versuche melden. Kanal dokumentiert, Vorfälle geloggt.
- 12 · Betriebsrat & Betriebsvereinbarung KI
Mitbestimmung nach §87 BetrVG bei Schulungen und leistungsbezogenen KI-Tools. „Betriebsvereinbarung KI“ als Referenzdokument.
Quelle aiactblog.nl: Kann die verantwortliche Führungskraft binnen 30 Minuten erklären, welche Systeme existieren, wer sie nutzt, was wer geschult wurde, welche Lücken bestehen und was das Management dagegen tut? Wenn ja — Sie sind reif für den Vollzug.
Walkthrough-Test (aiactblog.nl)Bußgeld-Realität: Art. 4 ist NICHT in Art. 99
Klarstellung, die wir oft hören müssen: Art. 4 steht nicht im Bußgeld-Katalog von Art. 99. Das Risiko bohrt sich über drei Umwege durch.
- Ausschluss aus RFP / Lieferanten-Pool: Öffentliche Auftraggeber und Konzerne verlangen Art.-4-Nachweise.
- D&O-Versicherung: fehlende Programm-Dokumentation zählt zunehmend als Risiko-Faktor.
- ISO 42001 / SOC 2 / Jahresabschluss-Audits: AI-Governance-Evidenz wird Pflicht-Eintrag.
- Betriebsrat-Friktion: Ohne Betriebsvereinbarung kann Copilot-Roll-out gestoppt werden.
Häufige Fragen
1. Drohen ab 2. August 2026 Bußgelder konkret wegen Art. 4?
2. Wir nutzen nur Microsoft Copilot — sind wir „Betreiber“?
3. Reicht eine einmalige Schulung — Stempel „gemacht“?
4. Gibt es eine offizielle Zertifizierung?
5. Müssen wir externe Dienstleister einbeziehen?
6. Was ist mit der Schweiz?
Wo steht Ihr Unternehmen — heute?
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Anonym bis zur letzten Frage · keine KI-Kosten · keine versteckte Bewerbung.
Quellen & Primärtexte
Diese Checkliste ersetzt keine Rechtsberatung. Sie ist ein operatives Arbeitsdokument auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen (BNetzA, Bitkom, EU AI Office, IAPP, deutsche und internationale Kanzleien) — Stand 25. Mai 2026. Für rechtsverbindliche Bewertung Ihres konkreten Falls ziehen Sie bitte eine Rechtsanwältin / einen Rechtsanwalt hinzu.