Art. 4 EU AI Act — die 12-Punkte-Checkliste
Was in jedem Unternehmen stehen muss, das KI einsetzt — seit dem 2. August 2026 unter laufender Marktaufsicht. Pragmatisch, ohne Panikmache — und ohne Rechtsrat.
Art. 4 EU AI Act verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen, Maßnahmen zur KI-Kompetenz ihres Personals zu ergreifen — angemessen zu Vorkenntnissen, Erfahrung und Einsatzkontext. Ein bestimmtes Kompetenzniveau garantieren müssen sie seit der Neufassung vom 27. Juli 2026 ausdrücklich nicht. Diese Checkliste übersetzt die Pflicht in zwölf Punkte, die sich dokumentieren lassen.
Stand: 10. August 2026 · Rechtsstand: VO (EU) 2026/1744, geltend seit 27.07.2026, und KI-MIG, in Kraft seit 29.07.2026 · Quellen: Amtsblatt der EU, KI-MIG, BNetzA, Bitkom v2.0, Noerr, CMS, EU AI Office, IAPP
Was steht in Art. 4 — kurz erklärt
Anbieter und Betreiber von KI-Systemen müssen Maßnahmen ergreifen, um die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals und aller Personen zu unterstützen, die in ihrem Auftrag mit KI arbeiten. Ein bestimmtes Kompetenzniveau müssen sie ausdrücklich nicht garantieren — das hat der Digital Omnibus zum 27. Juli 2026 klargestellt. Maßstab bleiben der Einsatzkontext, die Vorkenntnisse und die betroffenen Personen.
„Die Anbieter und Betreiber von KI-Systemen ergreifen Maßnahmen, um die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals und anderer Personen zu unterstützen, die in ihrem Auftrag mit dem Betrieb und der Nutzung von KI-Systemen befasst sind, wobei ihre technischen Kenntnisse, ihre Erfahrung, ihre Aus- und Fortbildung und der Kontext, in dem die KI-Systeme eingesetzt werden sollen, sowie die Personen oder Personengruppen, bei denen die KI-Systeme eingesetzt werden sollen, zu berücksichtigen sind. Diese Verpflichtung verpflichtet Anbieter oder Betreiber nicht, für irgendeine Person ein bestimmtes Niveau an KI-Kompetenz zu garantieren.“
Was der Digital Omnibus geändert hat
Art. 4 wurde durch Art. 1 Nr. 5 der VO (EU) 2026/1744 neu gefasst. Die Pflicht ist nicht entfallen — sie hat ihre Intensität geändert. Wer heute noch Texte liest, die den Stand vor dem 27. Juli 2026 beschreiben, plant gegen die falsche Norm.
| Aspekt | Alte Fassung, bis 26.07.2026 | Geltende Fassung, seit 27.07.2026 |
|---|---|---|
| Handlungspflicht | Maßnahmen ergreifen | Maßnahmen ergreifen — unverändert |
| Zweck der Maßnahmen | nach besten Kräften sicherstellen, dass ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz vorliegt | die Entwicklung der KI-Kompetenz unterstützen |
| Ergebnisbezug | Erfolgsbezug auf ein Kompetenzniveau, abgeschwächt durch „nach besten Kräften“ | kein Niveaubezug mehr |
| Garantiepflicht | nicht ausdrücklich geregelt | ausdrücklich ausgeschlossen — Abs. 1 Satz 2 |
| Adressaten | Anbieter und Betreiber von KI-Systemen | unverändert |
| Erfasster Personenkreis | eigenes Personal und Personen, die im Auftrag mit KI-Systemen befasst sind | unverändert |
| Rechtsnatur | abgeschwächte Erfolgspflicht | reine Bemühens- oder Verhaltenspflicht |
| Bußgeld | nicht im Katalog des Art. 99 | weiterhin nicht im Katalog des Art. 99 — und nicht in § 15 KI-MIG |
Was sich NICHT geändert hat, ist ebenso wichtig: Adressaten, Personenkreis und die Bußgeldlage sind gleich geblieben. Wer daraus liest, Art. 4 sei entfallen, liegt falsch.
Was gilt seit wann — und was erst noch kommt
Die meisten Fehler in der Beratungspraxis entstehen nicht aus Unkenntnis der Norm, sondern aus falsch zugeordneten Daten. Diese Übersicht trennt, was gilt, von dem, was noch aussteht.
- Art. 4 wird anwendbargilt
Zusammen mit Kapitel I und II der KI-VO, einschließlich der verbotenen Praktiken des Art. 5.
- Sanktionen und Governancegilt
Kapitel V (KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck), Kapitel VII sowie Kapitel XII mit Art. 99 und 100 — die Sanktionsvorschriften gelten also seit 2025, nicht erst seit 2026. Die nationalen Marktüberwachungsbehörden sind seither benannt.
- Art. 4 wird neu gefasstgilt
Die Digital-Omnibus-Verordnung (EU) 2026/1744 tritt in Kraft und gilt zeitgleich — ein abweichender Geltungsbeginn ist nicht angeordnet.
- KI-MIG tritt in Kraftgilt
Das deutsche Marktüberwachungs- und Innovationsförderungsgesetz. Die Bundesnetzagentur ist zentrale Marktüberwachungsbehörde, soweit im Gesetz nichts anderes bestimmt ist; sektorale Behörden und die BaFin bleiben daneben zuständig.
- Transparenz und Marktüberwachunggilt
Art. 50 (Kennzeichnung synthetischer Inhalte, Offenlegung bei Chatbots), Kapitel III Abschnitt 5, Kapitel VI, VIII, IX und X sowie Art. 101. Nicht an diesem Tag in Kraft getreten sind die Hochrisiko-Pflichten.
- Neue Verbotstatbeständesteht aus
Ergänzungen zu Art. 5 sowie Art. 50 Abs. 2 für generative Systeme, die vor dem 02.08.2026 in Verkehr gebracht wurden.
- Hochrisiko-Pflichten, Anhang IIIsteht aus
Kapitel III Abschnitte 1 bis 3 für die Anwendungsfälle des Anhangs III — verschoben vom ursprünglichen 02.08.2026.
- Hochrisiko-Pflichten, Anhang Isteht aus
Für KI-Systeme als Sicherheitsbauteil regulierter Produkte nach Anhang I.
Stand 10.08.2026. Quelle für alle Daten: Art. 113 KI-VO in der Fassung der VO (EU) 2026/1744 sowie das KI-MIG.
Wer ist „Betreiber“ (Deployer)?
Jedes Unternehmen, das KI-Systeme in seinem Verantwortungsbereich nutzt — auch wenn es das Modell nicht selbst gebaut hat. Praktische Beispiele:
- Microsoft Copilot für M365 (im Konzern-Tenant)
- ChatGPT Team / Enterprise oder Claude for Work
- KI-Funktionen in CRM, HRIS, Ticketing, Code-Assistenten
- Generative KI in Marketing- und Recruiting-Tools
Der Anbieter trägt die Art.-4-Pflicht für sein eigenes Personal. Sie als Betreiber tragen sie für Ihre Mitarbeitenden und Auftragnehmer, die das System für Sie nutzen.
Die 5 typischen Lücken — was wir am häufigsten finden
Querschnitt aus BNetzA, Bitkom v2.0, Noerr, Travers Smith, IAPP, Delbion, Hogan Lovells.
Die 12-Punkte-Checkliste — operativ, ohne Rechtsrat
Kein Audit-Standard, sondern eine Hands-on-Arbeitsliste. Sie können den Status pro Punkt lokal markieren — wird nur in Ihrem Browser gespeichert.
- 01 · KI-System-Inventar
Zentrales Register aller KI-Tools — inkl. eingebetteter KI in SaaS-Produkten, Browser-Extensions und Code-Assistenten. Update mindestens quartalsweise.
- 02 · Klassifizierung pro System
Anbieter- vs. Betreiber-Rolle, Risikoklasse nach Annex III, Einsatzkontext, betroffene Datenklasse — pro System dokumentiert.
- 03 · Rolle-zu-System-Matrix
Wer nutzt was, in welchem Entscheidungs-Kontext, unter wessen Autorität? Zuordnung explizit gemacht — nicht im Kopf.
- 04 · Lernziele pro Rolle
Basis-User (Prompting, Risikobewusstsein), Power-User (Validierung, Halluzinationen, Prompt-Injection), Oversight-Rollen (Art. 14 / Art. 26(2)), Geschäftsführung (Governance, Verantwortung).
- 05 · 3-Stufen-Curriculum (BNetzA-Modell)
(a) Grundlagen KI/Daten und Chancen/Risiken; (b) Vertiefung rechtlich-technisch entlang Ihrer Wertschöpfungskette; (c) rollenspezifische Trainings (Tech · Recht · Ethik).
- 06 · Anbieter-Dokumentation gelesen
Instructions for use, System Cards, Model Cards, DPIA-/FRIA-Inputs von Microsoft, OpenAI, Anthropic & Vendor — und Personal, das sie lesen und verstehen kann.
- 07 · AI Acceptable Use Policy
Schriftlich, von der GF freigegeben, kommuniziert. Regeln zu vertraulichen Daten, Kundendaten, verbotenen Anwendungsfällen (Art. 5), Kennzeichnungspflichten (Art. 50).
- 08 · Trainings-Nachweise
Name, Rolle, Datum, Module, Stunden, Bewertung — als Audit-Evidenz aufbewahrt. Bitkom-Zertifikat oder gleichwertig OK; eine Zertifizierung ist nicht vorgeschrieben.
- 09 · Refresher-Kadenz
Jährlich Minimum. Ad hoc bei großen Tool-Roll-outs oder Regulierungs-Updates. Inhalte halbjährlich reviewen.
- 10 · Verträge mit Auftragnehmern & Lieferanten
Klauseln zu Art.-4-äquivalentem Kompetenz-Commitment. Nachweise beim Onboarding einfordern.
- 11 · Incident- & Eskalations-Kanal
Mitarbeitende wissen, wie sie KI-Fehler, Halluzinationen, Bias oder Prompt-Injection-Versuche melden. Kanal dokumentiert, Vorfälle geloggt.
- 12 · Betriebsrat & Betriebsvereinbarung KI
Mitbestimmung nach §87 BetrVG bei Schulungen und leistungsbezogenen KI-Tools. „Betriebsvereinbarung KI“ als Referenzdokument.
Quelle aiactblog.nl: Kann die verantwortliche Führungskraft binnen 30 Minuten erklären, welche Systeme existieren, wer sie nutzt, was wer geschult wurde, welche Lücken bestehen und was das Management dagegen tut? Wenn ja — Sie sind reif für den Vollzug.
Walkthrough-Test (aiactblog.nl)Bußgeld-Realität: Art. 4 ist NICHT in Art. 99
Klarstellung, die wir oft hören müssen: Art. 4 steht nicht im Bußgeld-Katalog von Art. 99. Das Risiko bohrt sich über drei Umwege durch.
- Ausschluss aus RFP / Lieferanten-Pool: Öffentliche Auftraggeber und Konzerne verlangen Art.-4-Nachweise.
- D&O-Versicherung: fehlende Programm-Dokumentation zählt zunehmend als Risiko-Faktor.
- ISO 42001 / SOC 2 / Jahresabschluss-Audits: AI-Governance-Evidenz wird Pflicht-Eintrag.
- Betriebsrat-Friktion: Ohne Betriebsvereinbarung kann Copilot-Roll-out gestoppt werden.
Häufige Fragen
1. Drohen Bußgelder konkret wegen Art. 4?
2. Wir nutzen nur Microsoft Copilot — sind wir „Betreiber“?
3. Reicht eine einmalige Schulung — Stempel „gemacht“?
4. Gibt es eine offizielle Zertifizierung?
5. Müssen wir externe Dienstleister einbeziehen?
6. Was ist mit der Schweiz?
Wo steht Ihr Unternehmen — heute?
10 Fragen, 4 Minuten. Sie erhalten einen Ampel-Score und eine personalisierte PDF-Auswertung mit den fünf wichtigsten Lücken in Ihrer Konstellation. Kostenlos, ohne Anmeldung, DSGVO-konform.
Anonym bis zur letzten Frage · keine KI-Kosten · keine versteckte Bewerbung.
Quellen & Primärtexte
- Artikel 4 EU AI Act, Fassung seit 27.07.2026 (Amtsblatt)
- EU-Kommission · AI Literacy Q&A
- EU AI Office · Living Repository
- BNetzA · KI-Kompetenz (Stand Juni 2025, vor dem Digital Omnibus)
- BfDI · Die KI-Verordnung
- Bitkom · Umsetzungsleitfaden v2.0
- Noerr · Artikel 4 KI-VO
- Travers Smith · AI literacy key considerations
Diese Checkliste ersetzt keine Rechtsberatung. Sie ist ein operatives Arbeitsdokument auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen (BNetzA, Bitkom, EU AI Office, IAPP, deutsche und internationale Kanzleien) — Stand 10. August 2026, Rechtsstand VO (EU) 2026/1744 und KI-MIG. Für rechtsverbindliche Bewertung Ihres konkreten Falls ziehen Sie bitte eine Rechtsanwältin / einen Rechtsanwalt hinzu.